Territoriale Einsamkeit

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Einsamkeit

Territoriale Einsamkeit

  • Wie erklärt man eigentlich Einsamkeit. Wo fühlt man sie, wie kommt und geht sie?

Zugegeben ich hatte meine ganz eigene Vorstellung von Einsamkeit. Ich habe oft in meinem Leben Einsamkeit empfunden. Sie war schon in meiner Kindheit ein Thema, über das ich nachgedacht habe. An einem Wochenende niemanden zu sehen, mit niemandem zu telefonieren und weder den Computer noch das TV einzuschalten – das empfand ich als Einsamkeit. Nicht negativ, mehr wertfrei. Was mir dabei entgangen ist, ist die Tatsache, dass ich jederzeit diese Situation hätte ändern können. Wenn ich heute über Einsamkeit nachdenke dann nur noch in Bezug auf Situationen und Lebensumstände die sich nicht ändern lassen. Von den traurigen Bedingungen in Alten- und Pflegeheimen will ich hier nicht reden, sondern von einer territorialen Einsamkeit.

Ich habe die Einsamkeit auf dem Meer kennengelernt.

Das Überqueren eines Ozeans dauert je nach Schiff, Strecke und eben des Ozeans ca. zwischen 10 bis 40 Tagen. Die meisten Menschen gehen dieses Abenteuer als Crew an. In der Regel mit mindestens 4 Leuten auf einem Boot. Wir haben uns entschieden alleine den Ozean zu überqueren. Im Nachhinein glaube ich wir konnten nur so die Weite des Meeres und die Größe des Vorhabens verstehen und im Nachhinein bin ich glücklich dass wir alleine waren.

Sonst hätte ich vielleicht auch nie diese Einsamkeit kennengelernt. Die der man nicht ausweichen kann, die nicht einfach nachlässt, die an einem reißt und zerrt, die mal im Hals und mal im Bauch spürbar ist und einen von Zeit zu Zeit mit Tränen überflutet.

Wenn man alleine los segelt, gibt es einen genauen Plan. Einen Plan von allem. Wann wird geschlafen und wann gegessen, wann ist Schichtwechsel und wann kocht wer. Und da geht es schon los: Holger hat geschlafen, ich bin gesegelt, ich habe gekocht, wir haben gegessen und ich bin ins Bett gefallen. Holger hat gesegelt, Karten geprüft, Positionen durchgegeben. So geht es endlos. Schon nach 2 Tagen haben wir kaum noch miteinander kommuniziert. Das liegt nicht daran, dass etwas zwischen uns nicht stimmt. Wir waren beide zu müde. Unsere Kommunikation bezog sich auf die Position, auf das Wetter und darauf, den anderen daran zu erinnern genug zu trinken.

Aber mit der Kommunikation hören die eigenen Gedanken nicht auf. Man hat nur keine Lust mehr sie mitzuteilen. Und abgesehen vom schlafenden oder wache-haltenden Mitsegler kann man sie auch nicht mitteilen. Die technischen Kommunikationsmöglichkeiten sind äussert begrenzt. Jedes Bite wird für Wetter- und Positionsdaten gebraucht. An Mails und asoziale Medien ist gar nicht zu denken. Auch Strom ist nicht unbegrenzt verfügbar. Im Kopf laufen die Gedanken umher, kreisen um etwas, verwerfen es wieder, finden einen neuen Gedanken und laufen von Ort zu Ort. Es ist merkwürdig worüber man nachzudenken beginnt, wenn man das Reden einstellt. Ich habe tagelang gegrübelt, ob wir einen freien Willen haben, darüber was ich als erstes tun werde, wenn ich Land sehe, darüber was ich tun werde, wenn die Reise vorüber ist oder darüber was ich bisher getan habe und ob meine Strategien aufgehen.

Schon am 4. Tag waren wir so müde, dass wir nur noch ca. 1 wache Stunde miteinander verbracht haben.

Und dann kam sie an die Einsamkeit. Auf dem Ozean. Weit draussen. Nur aufs Wasser zu starren ist schön. Die Sterne klar am Himmel zu sehen ist auch schön und es ist einsam. Eben genau, weil man nicht ausweichen kann. Sich nicht in ein Taxi setzten und in die Stadt fahren kann. Diese Art von Einsamkeit tut weh. Sie macht einem klar, wie machtlos man ist. Abwarten, bis der Wind uns an die Ufer Mittelamerikas trägt kann einem ewig vorkommen. Geduldig sein, sich an kleinen Ereignissen erfreuen kommt im Alltag nicht so häufig vor. Keine Freundin anrufen und sich auf ein Glas verabreden, keine Mails checken – einfach nur da sein.

Ab und an habe ich Delphine springen sehen. Sie kommen und gehen, als ahnten sie, dass dringend eine kleine Abwechslung notwendig ist. Als wollten sie klarstellen: es gibt Leben auf diesem Planeten. Auf Musik hatten wir beide keine Lust. Zum Lesen waren wir in der Regel zu müde und nach vielen technischen Schwierigkeiten und Pannen die wir zu bewältigen hatten, fehlte uns auch die Konzentration ein Buch mit der nötigen Aufmerksamkeit zu lesen. Nach 16 Tagen solch einer Einsamkeit habe ich Land betreten, bin anderen Seglern in die Arme gefallen und:  hab mich danach weit weniger oft einsam gefühlt.

Wenn ich mich heute schon mal einsam fühle denke ich an die Zeit auf dem Meer. Die Zeit in der ich genau wusste ich kann nicht ausweichen, kann weder weg noch jemanden hier her holen. Meine Antwort darauf, wie Einsamkeit entsteht ist noch nicht ganz geschliffen. Sie ist gut im „sich leise anschleichen“, der große Auftritt liegt ihr nicht. Sie hat viel mit fehlender Kommunikation zu tun und einiges mit dem Gefühl der Machtlosigkeit.

Aber eines weiß ich: Wer heute im normalen Leben mit normaler Gesundheit von Einsamkeit redet, sollte sich dieser territorialen unausweichlichen Einsamkeit aussetzen. Es ist spannend zu sehen, was dieses Gefühl bewirkt, wie wir mit uns umgehen, wenn wir nur noch uns haben und sonst nichts.
Alleine durch Schottland laufen, ein paar Nächte in der Wüste verbringen oder ein Meer überqueren hilft die Einsamkeit mal anders zu empfinden. Unmittelbarer und wahrer.

 

Heimweh

 

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